Bericht vom ersten Hilfstransport in die Ukraine von Christian Schüler

Christian Schüler hat sehr bewegende Worte für den ersten UWO Hilfstransport gefunden und schildert hier seine Eindrücke vom 13. und 14. März 2022:

Eigentlich müsste ich zwei Berichte schreiben. Zum einen würde ich euch gern erzählen, wie so ein Hilfstransport zu Kriegszeiten aussieht. Zum anderen aber möchte ich auch gern teilen, was emotional an so einem Tag geschehen kann. Ich versuche, beides in einem Bericht zu vereinen. Daher hier mal die schonungslose Chronik der vergangenen beiden Tage. So sieht also ein Hilfstransport der United World Organisation aus.
 
Sonntag, 6 Uhr morgens. Der Wecker klingelt. Ich nehme mein Handy und checke die Nachrichten. Rosti hat 47 Minuten zuvor einen Satz geschrieben.
„Es wird gebombt.“
Ich bin hellwach. Sofort. „Pass auf dich auf!“, ist meine Antwort. Verstört lese ich die Nachrichten vom Luftangriff auf Lwiw. Ich habe Angst und ich könnte heulen. Offene Fragen quälen mich. Ich mache mich fertig. Der Transport muss stattfinden. Er muss einfach. Ich klammere mich daran.
Ich fahre den Transporter zum Treffpunkt mit Peter. 7 Uhr 38. Rosti schreibt.
„Wir werden befreit.“
Ich atme, weiß nicht, wie ich den Zynismus nehmen soll.
„Von uns selbst.“
Ich könnte schon wieder heulen.
„Wir sind unsterblich.“
„Ich komme wieder.“
„Immer wieder.“
Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Diese Ohnmacht killt mich.
Peter kommt. Wir besprechen die Route. Er fährt zuerst. Gut so.
 
10 Uhr 25. Rosti schickt eine Sprachnachricht. Wir hören den Fliegeralarm. In meinen Adern gefriert das Blut.
Wir machen immer wieder Pausen. Rosti lebt. Ich schiebe die Gefühle von morgens weg.
 
14 Uhr 31. Ein anderer Freund aus der Ukraine schickt mir ein Video. Ein Mann läuft auf ein Auto in einem Park oder Waldstück zu. Mehrere Einschusslöcher sind zu sehen. Er öffnet die hintere Tür, die Rückbank ist leer. Er öffnet die vordere Tür. Zwei Menschen. Tot. Der Körper auf dem Beifahrersitz könnte eine Frau sein, irgendwas zwischen 50 und 60, schätze ich. Das Gesicht ist durch all das Blut nicht zu identifizieren. Ein junger Mensch mit Kurzhaarfrisur auf dem Fahrersitz, das Gesicht auf dem Lenkrad. Ein Einschussloch am Hals, etwas links unterhalb vom Ohr. Mutter und Sohn? Oder Mutter und Tochter? Auf der Flucht?
Mir wird schlecht. Die beiden hatten keine Chance. Derjenige, der das Video macht, zeigt das ukrainische Kennzeichen, liest es vor.
Ich teile dieses Video nicht. Es ist zu grausam. Krieg ist zu grausam. Ich bete, dass es aufhört.
Auch Peter geht das Video nahe. Er will es nicht weiter sehen.
Ich fokussiere mich wieder auf unsere Aufgabe.
 
Wir telefonieren mit Roman, unserem Kontakt in Polen, geben ihm unsere geschätzte Ankunftszeit an. Auf unserem Weg begegnen uns viele Hilfstransporte.
Uns wurde ein Ort genannt, der in der Nähe der ukrainischen Grenze liegt. Knapp 1400 Kilometer sind für eine Strecke zu fahren.
 
An Bord haben wir 63 Kartons, 9 Taschen und diverse andere Gegenstände. Matratzen, Isomatten, Schlafsäcke, Kissen, Decken. Thermounterwäsche, warme Socken, Mützen, Schals, Jacken. Rucksäcke, Erste-Hilfe-Sets, Schmerzmittel, Wund- und Brandsalben, Kompressen, weitere Medikamente und medizinisches Zubehör. Babykleidung, eine Babytrage, Kuscheltiere. Klopapier, Binden, Tampons, andere Hygieneartikel. Konserven, Lebensmittel, Babynahrung, stilles Wasser, Süßigkeiten. 40 Liter Diesel. Und eine extra Tüte mit Haferflocken, die Rosti sich gewünscht hat. Ich verfluche die Situation.
 
Der Treffpunkt liegt fernab der Stelle, an der andere Hilfsorganisationen eintreffen. Nur einige Hundert Meter von der Grenze entfernt, bei Ustrzyki Dolne. Wir fahren durch die tiefste Wallachei, eigentlich ein Wintersportgebiet, vermuten wir. Die Temperaturen fallen. Nachts um 2 stehen wir verloren an einer Strasse mit wenigen Häusern. 10 Minuten zuvor wieder Fliegeralarm in Lwiw, schreibt Rosti.
 
Roman konnte nicht mehr auf uns warten. Er hat einen Kontakt, bei dem wir die Spenden über Nacht lagern. Doch das Haus ist ziemlich versteckt. Über eine Holzbrücke in der Nähe trauen wir uns mit dem Transporter nicht. Sind wir hier falsch? Per Telefon lotst Roman uns über eine andere Brücke. Ganz ehrlich? Es ist unheimlich hier. Wenn wir nicht hier wären, um freiwillig Sachen zu bringen, hätte ich Angst, hier ausgeraubt zu werden. Natürlich bewahrheitet sich diese Angst nicht. Die Gesamtsituation hat sie lediglich heraufbeschworen.
 
Nachts im Dunkeln, in der hintersten Ecke eines unbekannten Landes, ohne Sprachkenntnisse, der Schnee glitzert bei minus 8 Grad im Scheinwerferlicht, als wir in einen verlassen erscheinenden Hinterhof fahren. Nach wenigen Minuten kommt aus einer Hütte ein etwas verwahrloster Mann. Peter spricht ihn auf Polnisch an. Keine Antwort. Er öffnet eine Art Garage, zusammen räumen wir den Transporter aus, ich mach noch eine letzte Inventur der Spenden. Meine Finger sind in kürzester Zeit taub von der Kälte, es fällt mir schwer zu schreiben.
 
Da durch die Taubheit auch die Motorik schwerfällt, füge ich mir einige Kratzer zu beim Bewegen der Kartons. Ich rufe Rosti an, da der Mann weder Deutsch, Englisch noch Polnisch versteht. Rosti kann zum Glück mit ihm kommunizieren, es hat alles seine Ordnung, ich bin beruhigt. Roman wird die Sachen später hier abholen. Ich spreche noch kurz mit Rosti, alles, was ich eigentlich sagen will, sage ich nicht. Ich äußere zwar meine Sorge, aber gebe mich viel cooler als ich innerlich bin.
 
Ich hätte mir sehr gewünscht, ihn zu sehen, ihn in den Arm zu nehmen. Wer weiß, ob ich das jemals nochmal kann… Ich verdränge den Gedanken wieder, es wird Zeit, zurückzufahren. Es ist drei Uhr morgens.
 
Zwei Stunden später bemerke ich, dass ich unsere Flyer im Handschuhfach vergessen habe. Ich hoffe darauf, sie einer anderen Organisation mitgeben zu können, leider treffen wir an den Autohöfen während unserer Rückfahrt keine. Ich schicke sie Roman wohl am besten per Post, damit er sie weiterleitet. Ich ärgere mich riesig über meine Gedankenlosigkeit.
 
Peter und ich wechseln uns weiter ab, bleiben auch mal länger stehen, damit wir beide ein wenig schlafen können, als wir merken, dass wir beide die Augen kaum aufhalten können. Nachmittags erreichen wir Breslau. Wir kaufen uns ein paar polnische Lebensmittel und Zigaretten, bringen uns auf andere Gedanken. Versuchen es zumindest. Aber immer wieder kommt das Thema Krieg auf, dass uns ständig begleitet, wie ein dunkler Schatten auf unserer Reise liegt. Wir sind froh, keine Raketeneinschläge oder Ähnliches gehört oder erlebt zu haben.
 
Bis wir wieder zu Hause sind, ist es schon wieder nach 2 Uhr morgens.
Wir verarbeiten das alles noch. Aber wir werden wieder fahren.
 
Rosti. Halt durch. Ich liebe dich, mein Freund.